Lecker essen in Gemeinschaft
"Gemeinsam statt einsam" lautet das Motto des Projektes.
Heute erwartet die Senioren ein schmackhaftes Würstchengulasch mit buntem Gemüse. Die freundliche Frage "Darf es noch ein Nachschlag sein?" lehnt niemand ab. Was hier auf den Tisch kommt, wird immer am gleichen Tag frisch in der Küche der "Kieler Anker gGmbH" zubereitet. Der Speiseplan ist abwechslungsreich: "Es gab auch schon Schnitzel, verschiedene Aufläufe, sogar Braten mit Rotkohl", erzählt Anette Ruml, Leiterin der Caritas Kiel. Doch das leckere, günstige Essen - der Unkostenbeitrag liegt bei drei Euro - ist nur ein Grund, den Mittagstisch aufzusuchen. Mindestens ebenso wichtig ist den Gästen, dass sie Gesellschaft haben, mit jemandem ins Gespräch kommen können. Und dass sie freundlich empfangen und umsorgt werden. Darum kümmert sich ein Team aus ehrenamtlichen Mitarbeitenden und Förderschülern der Kieler Gutenbergschule. Jeweils zwei von ihnen kommen mittwochs und kümmern sich mit um die Gäste, als Praxisprojekt, betreut von der Schulsozialarbeiterin.
Drei Frauen, die sich beim Mittagstisch von Anfang an engagieren, sind Ursel, Karin und Anja. Ab dem ersten Planungstreffen im Dezember 2025 haben die drei Rentnerinnen ihre Ideen, aber auch ihre vielseitige Berufs- und Lebenserfahrung eingebracht.
Ursel ist immer mittwochs mit an Bord. Die 66-Jährige Juristin hatte sich bei einer Ehrenamtsmesse informiert, welche Möglichkeiten es gibt, sich zu engagieren. Dort sprach sie der Infostand für den Mittagstisch am meisten an. Pfarrei und Caritas warben dort mit Kochtöpfen, Kochlöffeln und einer Kinder-Spielküche für das Projekt. Offensichtlich erfolgreich!
Die gleichaltrige Karin hilft zweimal die Woche beim Mittagstisch mit. "Ich wollte gerne ein Ehrenamt übernehmen, bei dem ich Essen ausgeben kann." Sie war zuletzt als Schreibkraft bei der Kripo tätig. "Das war der schönste Job meines Lebens", schwärmt sie. Im Lauf ihres abwechslungsreichen Berufslebens war Karin unter anderem beim Presseamt in Lübeck tätig, auf einer Werft, an der Fachhochschule und beim Landeskriminalamt. "Wenn es irgendwo nicht mehr passte, bin ich eben weitergezogen." Nun ist sie beim Mittagstisch vor Anker gegangen.
Die 62-jährige Anja, die auch zur Mittwochs-Crew gehört, fühlte sich durch das Motto "Gemeinsam statt einsam" angesprochen. "Die Gäste kommen nicht allein aus Bedürftigkeit her, um sich eine tägliche Mahlzeit abzuholen, sondern auch, um sich miteinander zu unterhalten. Hier können sich die Senioren auch untereinander kennenlernen", erzählt Anja. Bevor sie in Rente ging, hat die gelernte Arzthelferin lange in der ambulanten Pflege gearbeitet und sich in der Mitarbeiter-Vertretung engagiert.
Die Arbeit beim Mittagstisch ist jedoch keine reine "Frauensache": Der 26-jährige Abdul verstärkt das Team am Montag und Mittwoch. Der gebürtige Syrer ist seit drei Jahren in Deutschland und absolviert gerade seinen B2-Deutschkurs. Sein berufliches Ziel ist eine Stelle im IT-Bereich. Abduls Motivation für sein ehrenamtliches Engagement: "Ich möchte Menschen helfen. Außerdem ist der Mittagstisch toll, um Deutsch zu lernen." Er ist ein echtes Multitalent und packt an, wo er gebraucht wird - beim Servieren ebenso wie bei Reparaturen. An diesem Tag bringt er zusammen mit dem Gemeindereferenten Stefan Becker die ausgefallene Warmhaltevorrichtung wieder in Gang. Und erntet dafür reichlich Applaus vom Team.
Der Einsatz dauert für die Ehrenamtlichen jeweils rund drei Stunden: Um 11 Uhr starten die Vorbereitungen. Gegen 12 Uhr kommen die ersten Gäste. Die Ehrenamtlichen füllen Gläser und Teller und sorgen rundum für das Wohl der Senioren. Dafür ist ganz wesentlich, dass sie nicht "nur" den Service beim Essen leisten, sondern sich auch dazusetzen, um mit den Gästen ins Gespräch zu kommen. Gegen 14 Uhr, wenn alles aufgeräumt und abgewaschen ist, geht die Schicht zu Ende. Was vom Essen übrigbleibt, wird vom Foodsharing abgeholt und woanders an Bedürftige ausgegeben.
Die Gäste werden von der Crew am Tisch bedient. "Wir stellen aber nicht gleich ungefragt den Teller hin, sondern fragen jeden, ob er erstmal in Ruhe ankommen und was trinken möchte", erklärt Anja. Zum Essen gibt es Kaffee, Tee, Wasser oder Saft - und kleine Süßigkeiten zum Naschen, die gerne angenommen werden. Das lässt sich auch von dem gesamten Angebot sagen, denn die Gäste kommen gerne wieder. Anja: "Ich sehe hier schon viele bekannte Gesichter, manche sind dreimal die Woche hier."
"Alleinsein geht an die Nieren"
Zum Stammgast entwickelt sich der 65-jährige Jörg. Er wurde von seiner Schwester auf den Mittagstisch aufmerksam gemacht. "Sie hat mir den Link geschickt und gesagt: Geh doch da mal hin und guck, wie das ist", erzählt der Rentner. Inzwischen nutzt er das Angebot zweimal die Woche. "Das Essen schmeckt und ist günstig. Außerdem ist es eine gute Sache für viele Ältere, die allein in der Bude sitzen und so mal unter Leute kommen." Er selbst lebt auch allein, seine Lebenspartnerin ist vor zwei Jahren verstorben. Beim Mittagstisch ist Jörg bisher noch nicht mit anderen Gästen ins Gespräch gekommen. "Gegenüber Fremden bin ich eher zurückhaltend."
Ein Gast der ersten Stunde ist Christoph. Der 78-jährige Rentner kommt immer in Begleitung der kleinen Hundedame Maja, die vom Team mit Streicheleinheiten verwöhnt wird. Für Christoph, der als Ingenieur früher große Bauprojekte im Ausland betreute, ist beim Mittagstisch besonders wichtig, "dass man hier mal ein paar Stimmen hört, ein paar Leute sieht, in einer Runde sitzt. Man hängt sonst ja nur zuhause rum und surft im Internet." Christophs Frau ist vor zehn Jahren verstorben. "Das Alleinsein geht schon an die Nieren." Er hat schon Kontakt zu anderen Gästen geknüpft: "Wir haben verabredet, etwas zu unternehmen, gemeinsam zu reisen. Wir wollen uns einfach ins Auto setzen und losfahren."
Bisher essen die zehn bis zwölf Gäste im kleinen Saal des Gemeindezentrums. Anette Ruml hofft, dass die Zahl der Gäste nach und nach größer wird, sodass sie irgendwann in den großen Saal umziehen können. "Es gibt einige Mittagstische in Kiel, aber hier ist es nicht so trubelig und voll. Man kann sich in Ruhe hinsetzen und sich unterhalten. Das ist die Lücke, die wir füllen", so Ruml.