Beeindruckende Begegnungen

Bereits im Oktober 2024 entstand die Idee: Eine südfranzösische Partnerorganisation von dock europe e.V. regte eine Begegnung zwischen ehrenamtlichen Akteurinnen aus Hamburg und Marseille an, die Bildungsprozesse von Familien mit Migrationsbiografie unterstützen. Das Begegnungsprojekt wurde möglich durch die Unterstützung der Europäischen Union und der Behörde für Soziales, Familie und Berufsbildung Hamburg.
Das Projekt Stadtteileltern unterstützt Familien mit Migrations- oder Fluchterfahrung dabei, sich in ihrem neuen Lebensumfeld zurechtzufinden. Dabei stehen ihnen engagierte Stadtteileltern als vertrauensvolle Ansprechpartner*innen zur Seite. Das Partnerprojekt in Marseille, die Ambassadrices des livres ("Lesebotschafterinnen"), besteht vor allem aus Müttern, die sich für die kulturelle Teilhabe für mehrsprachige Familien einsetzen, insbesondere in Bezug auf das Lesen. "Da das oberste Ziel der Stadtteileltern die Chancengleichheit für Kinder mit Migrationsbiografie ist, haben sie an uns als Austauschpartner gedacht", erklärt Inke Hansen, Koordinatorin der Stadtteileltern.
Die Stadtteileltern waren sofort begeistert. Aus dem 30-köpfigen Team wurden dreizehn Teilnehmerinnen ausgewählt, die sich schon besonders lange als Stadtteileltern engagieren. Eingeladen waren in diesem Fall nur Frauen, da das Partnerprojekt eine rein weibliche Initiative ist. Am 30. November 2025 fuhren die Stadtteilmütter dann los Richtung Frankreich. Eine Woche lang hatten Sie Gelegenheit, nicht nur ihr Partnerprojekt kennenzulernen, sondern auch viele weitere Initiativen in Marseille, um einen möglichst tiefen Einblick in die sozialen Strukturen vor Ort zu bekommen.
Mit den Austauschpartnerinnen, den Ambassadrices des livres ("Lesebotschafterinnen") ging es zunächst auf Erkundungstour: In gemischten Grüppchen zeigten die Einheimischen den Besucherinnen "ihr" Marseille. Im Lauf der Woche gaben sie den Hamburger Frauen dann eine Kostprobe einer Lesung, die sie für Kinder und Eltern veranstalten. "Sie haben mit einer Autorin und einer Illustratorin selbst ein Kinderbuch geschrieben und gemalt. Dieses wurde nicht als Buch, sondern als ‚Kamishibai‘ gedruckt. Das ist ein Vorlesebuch, das an ein Puppentheater erinnert. Zwei der Lesebotschafterinnen haben es lebendig vorgelesen: eine rührende Geschichte über ein Unglück, das über Marseille hereinbricht. Letztendlich retten die Lesebotschafterinnen und ihre Kinder die ganze Stadt und sind somit die Heldinnen ihrer eigenen Geschichte. Wunderschön, witzig und toll illustriert. Man merkt wie stolz sie auf ihr Werk sind, und sie sind vielfach angefragt, es in verschiedenen Institutionen vorzulesen", erzählt Inke Hansen.
Einsatz für Menschen ohne Papiere
Zwischen den Treffen mit den Lesebotschafterinnen lernten die Stadtteilmütter noch mehrere andere ehrenamtliche Initiativen kennen. Der erste Besuch führte in die "Auberge Marseillaise", eine ehemalige Jugendherberge, die von Aktivist*innen zur Notunterkunft für Frauen umfunktioniert wurde. In Marseille leben viele Migrantinnen ohne Papiere auf der Straße - oft auch mit ihren Kindern. Die Stadt sorgt nicht für deren Unterbringung. Das Projekt soll ein erster Schritt in Richtung der Nutzung leerstehender Gebäude sein. Ein weiterer Besuch galt der Initiative "Manba", die in einem kleinen Ladenraum Menschen, die ohne Papiere in Marseille leben, rechtlich berät, ihnen Sprachkurse anbietet und sie mit Essen versorgt - alles ehrenamtlich und ohne einen Cent Förderung. "Die Situation von Menschen ohne Papiere scheint uns extrem hart zu sein. Die Einwanderungsgesetze in Frankreich unterscheiden sich stark von unseren in Deutschland. Aber wir fragen uns am Ende, ob es bei uns besser oder einfach nur weniger sichtbar ist", so Inke Hansen.
Mit anpacken durften die Hamburgerinnen dann im Restaurant "La marmite joyeuse" ("Der fröhliche Kochtopf"): Gastgeberinnen und Besucherinnen backten gemeinsam leckere Cookies, die bei der Jubiläumsfeier des Lokals gegen Spende abgegeben werden sollten. Das Restaurant gehört einem Paar, das dort "normales" Mittagessen anbietet. Die Gewinne investieren sie in ein solidarisches Essensangebot, welches das gleiche Essen für einen geringeren Preis anbietet. Außerdem bietet der Verein "Petitapeti" dort Kinderbetreuung, Hausaufgabenhilfe und Ausflüge für sozial benachteiligte Grundschulkinder an. Auch die Mütter werden mit eingebunden, damit sie ihre Stärken wiederentdecken, und um sie dabei zu unterstützen, ihr Ankommen in Frankreich und ihre berufliche Entwicklung zu fördern.
Der letzte Besuch führte zur Stadtteilgewerkschaft CHO3 (Cooperative des Habitants Organisées du 3ième Arrondisement) im Stadtteilzentrum "La Fraternité". Ursprünglich hatten sich eingewanderte Mütter dort zusammengetan, als in der Coronazeit die Rechte von Menschen ohne regulären Aufenthalt noch stärker eingeschränkt wurden. So bekamen zum Beispiel alle benachteiligten Menschen eine vergünstigte Fahrkarte - Menschen ohne Papiere jedoch nicht. Die Frauen protestierten dagegen, mit Erfolg. Sie kämpfen auch für bessere Wohnbedingungen in ihrem Stadtteil, in dem es zu wenige bezahlbare Wohnungen gibt. Für Menschen ohne Papiere sind diese nochmals teurer, weil sie keine Alternative haben, und die Gebäude sind in einem sehr schlechten Zustand. "Die Frauen strahlen eine unglaubliche Stärke aus und sind sehr redegewandt. Sie wollen das System verändern und man traut es ihnen durchaus zu", zeigt sich Inke Hansen beeindruckt. Als Anregung nimmt die Gruppe mit: "Wir unterstützen Menschen individuell meist im Einzelkontakt. Können wir mehr? Und wo sind die vielen Menschen ohne Papiere in Hamburg? Laut inoffiziellen Schätzungen sollen es 2000 Menschen sein. Wie können wir auch sie erreichen?"
Nach all diesen Begegnungen und Eindrücken nahm die Gruppe viele Ideen mit nach Hause, was die Stadtteileltern für Familien in Hamburg noch erreichen können. Denn wie in der Mittelmeer-Metropole gilt auch an der Elbe: Eltern, die sich willkommen fühlen und sich gut in ihrer neuen Heimat auskennen, sind besonders gut in der Lage, ihre Kinder zu fördern.
