Vom Mut, Grenzen zu überwinden
Dieses Jubiläum hat uns weit mehr zu sagen als eine bloße Rückschau auf die Kirchengeschichte. Ich blicke in dieser Festwoche auf einen radikalen Pionier, dessen Erbe das Fundament unseres heutigen Wirkens bildet. Das Jubiläumsmotto bringt es auf den Punkt:
"Vom Mut, Grenzen zu überwinden".
Ansgar war ein Mann der Tat, der sich nicht in der Sicherheit des Klosters versteckte, sondern dorthin ging, wo die Not groß und die Sprache fremd war. Für unser heutiges Handeln ziehe ich daraus zwei wesentliche Impulse:
- Resilienz im Scheitern: Kirchen wurden niedergebrannt, Missionserfolge blieben aus, er musste fliehen. Doch Ansgar blieb. Er lehrt uns, dass wir einen langen Atem brauchen. Wahre Veränderung braucht Zeit und das Vertrauen, dass kein Akt der Liebe vergeblich ist.
- Glaubwürdigkeit durch Handeln: Er wusste, dass Worte im Norden nur Gewicht haben, wenn Taten folgen. Diese Haltung ist der Kern unserer Identität im Norden.
Ein konkreter Impuls für uns heute lässt sich aus Ansgars radikalstem Zeugnis ableiten: seinem kompromisslosen Einsatz für die Freiheit.
Schon im 9. Jahrhundert setzte der Heilige Ansgar ein Zeichen gegen die Entwürdigung von Menschen. In einer Zeit, in der Menschenhandel und Sklaverei trauriger Alltag waren, handelte er dort, wo andere wegsahen:
- Der Freikauf: Mit seinen Mitteln kaufte Ansgar Sklaven frei, um ihnen ein Leben in Freiheit zu ermöglichen.
- Bildung statt Ausbeutung: Er gründete für die Losgekauften Schulen und bot ihnen eine Perspektive, die über das reine Überleben hinausging.
- Provokation der Mächtigen: Sein Einsatz war ein Statement gegen die Gier seiner Zeit. Er erinnerte die Welt daran, dass vor Gott jeder Mensch gleich ist.
Die Frage an uns heute könnte heißen: Wo begegnen uns heute "Unfreie" in unserem Alltag im Norden - Menschen in Abhängigkeiten, Armut oder Isolation - und wie können wir, ganz im Sinne Ansgars, heute Wege in die Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben ebnen?
Das Jubiläumsjahr 2026 im Erzbistum
Dieser unbestechliche Blick auf die Würde des Menschen ist der rote Faden, der sich durch die kommenden Monate zieht. Das 1.200-jährige Jubiläum ist ein Aufbruchssignal für die gesamte Region:
- Ökumenische Verbundenheit: Ansgar als "Apostel des Nordens" eint uns über Konfessionsgrenzen hinweg. Dieses Festjahr bietet den Raum, die Botschaft eines solidarischen Miteinanders zwischen Elbe und Ostsee immer wieder lebendig werden zu lassen.
- Sichtbares Engagement: In den zahlreichen Veranstaltungen der Ansgarwoche wird deutlich: Kirche im Norden findet dort statt, wo Menschen füreinander einstehen. Die Verleihung der Ansgar-Medaille durch den Erzbischof ist dabei auch das sichtbare Zeichen für ein riesiges Netzwerk der Mitmenschlichkeit.
- Haltung zeigen: In einer Zeit der Polarisierung erinnert uns das Jubiläum daran, dass wir Brückenbauer sind. Ansgar hat Grenzen überschritten - wir tun es ihm gleich, indem wir Mauern in den Köpfen und Herzen einreißen.
Lassen wir uns von diesem Jubiläumsjahr anstiften, um das Feuer des Heiligen Ansgar in die heutige Zeit zu tragen: Mit Mut, Tatkraft und dem unbestechlichen Blick für den Nächsten.
